Es war das Gebell der Hunde das den Bürgermeister aus dem Schlaf riss gefolgt von Glockengeläut. Die ersten aufgeregten Bewohner liefen durch die Gassen. Dann hörte er es. Dumpf, dann immer lauter. Kriegstrommeln. Das ungeordnete Getrampel vieler Menschen und Tiere, hin und wieder untermalt von markerschüternden Kampfschreien. Plünderer aus den Frostlanden. Sie kamen näher!

Einst hatten seine Vorfahren eine hohe Palisade um das Dorf errichtet. In heutigen Zeiten war man vor Überfällen nicht mehr sicher. Aber eine solche Streitmacht war hier bisher noch nicht angerückt.

Die ältesten und mutigsten Dorfbewohner standen bereits mit wachen Augen auf dem Wehrgang der Palisade, notdürftig bewaffnet, aber eine Gegenwehr schien gegen eine solche Streitmacht hoffnungslos. Die restlichen Bewohner versammelten sich stumm und angsterfüllt auf dem Platz vor der großen Zugbrücke. Kinder verbargen ihr Gesicht an den Körpern ihrer Eltern. Viele sahen ihn fragend an. Hilfloses warten…

Der Schein vieler Fackeln und Kriegsfeuer erhellte die Nacht taghell als die Horde der Wilden die Stadtmauer erreichte. Die Bewohner hielten den Atem an.

Schließlich tat sich auf der Seite der Angekommenden ein wildbemalter charismatischer Hühne auf einem Mustang aus der Menge hervor und ergriff brüllend das Wort. Er schien Forderungen zu stellen doch die Sprache war dem Bürgermeister unbekannt. Schließlich begann ein Rammbock das Tor zu bearbeiten und riss die Dorfbewohner donnernd aus ihrer Erstarrung. Einige begannen verzweifelt zu beten oder schluchzen.

Plötzlich ging alles sehr schnell. Gerade als alle Hoffnung verloren schien, geschah eine überraschende Wendung der Dinge, die der Bürgermeister auch Jahre später nicht so recht verstehen konnte.

Aus dem Schatten der alten Dorfkapelle trat schweigend eine Gruppe von sechs Personen hervor, verhüllt in dunkle Kutten und mit Kapuzen im Gesicht.

Niemand hätte sagen können wer sie waren und woher sie so plötzlich gekommen waren. Zur Dorfgemeinschaft gehörten sie zumindest vermutlich nicht, wie die meisten Bewohner später zu bezeugen wussten.

Die geheimnisvollen Gestalten blieben stehen und stimmten eine Art rituellen Gesang an. Es waren Männer und Frauen. Sie begannen in ihrer Mitte einen flammenden magischen Kreis auf den Boden zu zeichnen, gefüllt mit fremdartigen Ornamenten und Symbolen. Diese Flammen entsprangen keinem Feuer, sie waren unwirklich und blau und verströmten eine eisige Kälte. Dann holte jeder der Kultisten ein kleines Pendel hervor und begann es zu schwingen.

Eiskalte Sturmwindböen begannen sich im Dorf auszubreiten und die völlig verstörten und verzweifelten Dorfbewohner gingen hastig in Deckung.

Doch die vermummten Kultisten schienen keinerlei Notiz von den Aktivitäten um sie herum zu nehmen und konzentrierten sich weiter auf ihr Ritual.

Das Stadttor gab schließlich ächtzend den Stößen der Ramme nach und zerbarst.

Eine kriegerische Meute stürmte auf den Dorfplatz, muskelbepakt, in Lendenschurz oder Lederrüstung, rasend, axtschwingend. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich sofort auf die Zauberer. Unentschlossenheit machte sich unter ihnen breit.

Ein greller Lichtblitz blendete das Auge des Bürgermeisters für einen kurzen Moment und eine junge Frau stand plötzlich in der Mitte des Flammenkreises.

Auch sie trug eine Kutte, jedoch in einer helleren Farbe, mit goldenen Stickereien verziert und ihr langes weißblondes Haar wurde nicht von einer Kapuze bedeckt.

In der rechten Hand trug die Fremde eine große Sanduhr und um ihren linken Arm ringelte sich eine lebendige grüne Giftschlange. (Viele Jahre nach dieser schicksalhaften Nacht wurden eine Sanduhr und eine grüne Schlange in das Stadtwappen aufgenommen.)

Als die Barbaren die Priesterin sahen, warfen sich einige von ihnen erfurchtsvoll auf den Boden. Andere versteckten sich knurrend und mit feindseligen Gesichtern hinter ihren stachelbewehrten Holzschilden und hoben drohend die Faust.

Die Frau holte ein dickes in Leder gebundenes Buch aus einer Stofftasche, die sie bisher unter ihrem Gewand verborgen hatte. Dann sprach sie mit einer magisch verstärkten Stimme, freundlich aber bestimmt, ein paar Worte in der kehligen Sprache der Frostlande. Anschließend schritt sie langsam und majestetisch auf den berittenen Hühnen zu. Dem Bürgermeister war nicht klar was sie vorhatte, jedoch schien es so, als beabsichtigte sie ihm das Buch zu zeigen oder zu überreichen.

Der Hauptmann wich überraschenderweise vor ihr zurück. Er gab einen kurzen Befehl und zwei Männer hinter ihm bliesen in riesige Hörner ein lautes Signal. Das Heer machte sich zum Aufbruch bereit. Genauso schnell wie sie gekommen war trat die Horde den Rückzug an. Bereits Minuten später waren sie verschwunden und ließen eine gespenstische Stille zurück.

Der Bürgermeister, der das alles mit offenem Mund beobachtet hatte, fasste sich jetzt wieder. Pflichtbewußt und entschlossen trat er auf die geheimnisvolle Gruppe zu, um warme Dankes- und Willkommensworte auszusprechen.

Doch dazu sollte es nicht kommen. Die Fremde richtete einen Blick auf die Sanduhr in ihrer Hand und im nächsten Augenblick zuckte ein weiterer Lichtblitz durch das Dorf.

Die geheimnisvollen Gestalten und der leuchtende Flammenkreis waren verschwunden. Mit ihnen wich langsam auch die unnatürliche Kälte. Die Bewohner rieben sich verwirrt die Augen und sahen einander fragend an. Auch der Bürgermeister fand jetzt nicht mehr die richtigen Worte.

So hätten sie das alles wohl für einen seltsamen Traum gehalten, wären da nicht ein zerstörtes Stadttor und der aufgewühlte, zertrampelte Boden gewesen. Und noch etwas war zurückgeblieben und das sollte sie viele Jahre später für die Verwüstung der Barbaren reichlich entschädigen. Das Buch, das die fremde Frau den Barbaren reichen wollte, lag vor ihnen auf dem Boden. Auf dem Einband stand in großen weißen Lettern:

„Der Kalte Mantel“

Die Dorfbewohner fürchteten sich vor dem Buch und wagten nicht hineinzusehen. (Und diejenigen, die später doch hineinsahen konnten die fremdartigen Formeln und Symbole darin nicht entschlüsseln.)

Doch da sie das Gefühl hatten diesem Buch ihr Leben zu verdanken, brachten sie es in ihre alte Bibliothek, wo sie es bis heute verwahren und in Ehren halten…

 

Die erste Felsenfeuer-Erweiterung „Der Kalte Mantel“ enthält 140 neue Zaubersprüche und die Spielregel „Einfrieren/Auftauen von Glyphen“